Annex 1 2022: Die Revolution der Sterilität in der Pharmaindustrie. Was ändert sich wirklich?

Annex 1 2022: Das neue Paradigma der Sterility Assurance und die Auswirkungen auf Ihren Produktionsstandort

Die Revision 2022 des Annex 1 der EU-GMP ist kein bloßes bürokratisches Update: Sie stellt einen tiefgreifenden Wandel in der Philosophie der sterilen Herstellung dar. Jahrelang verließ sich die Industrie auf punktuelle Kontrollen und Tests des Endprodukts. Heute fordert die Regulierung einen ganzheitlichen, präventiven und wissenschaftlichen Ansatz, bei dem Sterilität im Prozess „aufgebaut“ wird – nicht erst am Ende geprüft.

Für Fachkräfte der Branche (QA, QC, Produktion) ist das Verständnis der zugrunde liegenden Logik dieser Änderungen entscheidend – nicht nur für die Compliance, sondern vor allem für die Patientensicherheit. Der Annex 1 hat sich im Vergleich zur Version von 2008 in seinem Umfang nahezu verdreifacht und führt Konzepte ein, die eine grundlegende Überarbeitung der Unternehmensstrategien erfordern.

Die neuen Säulen der sterilen Compliance

Der Kern der Revision dreht sich um die Notwendigkeit einer integrierten Strategie. Isolierte Verfahren für Monitoring oder Reinigung reichen nicht mehr aus; alles muss miteinander verknüpft sein.

1. Contamination Control Strategy (CCS)

Die einschneidendste Neuerung ist die Verpflichtung zur Dokumentation einer CCS. Dabei handelt es sich nicht um ein einzelnes statisches Dokument, sondern um ein lebendiges System, das alle kritischen Kontrollpunkte (CCP) abbildet und aufzeigt, wie die Kombination aus physischen, prozeduralen und organisatorischen Barrieren Risiken mindert. Von der Anlagenplanung bis zum Lieferantenmanagement muss jedes Element in diese übergreifende Strategie einfließen.

2. Quality Risk Management (QRM)

Die Anwendung der ICH-Q9-Prinzipien wird allgegenwärtig. Jede Entscheidung – von der Häufigkeit des Umweltmonitorings über die Festlegung der Probenahmepunkte bis hin zur Auswahl von Barriere-Technologien – muss durch eine wissenschaftlich fundierte und dokumentierte Risikobewertung gestützt sein. QRM ist kein theoretisches Konstrukt mehr, sondern das Werkzeug zur Rechtfertigung des Tagesgeschäfts.

3. Technologische Innovation und Barrieren

Der Annex 1 treibt entschieden die Eliminierung direkter menschlicher Eingriffe in kritischen Bereichen voran. Der Einsatz von RABS (Restricted Access Barrier Systems) und Isolatoren gilt heute als Stand der Technik. Der Betrieb in „Open Grade A“ erfordert sehr belastbare Begründungen, da der Mensch weiterhin die Hauptquelle für Kontamination darstellt.

Auswirkungen auf Karriere und Verantwortlichkeiten

Die Umsetzung des Annex 1 erfordert neue Kompetenzen. Der moderne QA-Professional muss nicht nur die Regeln kennen, sondern auch mit Engineering (Luftströmungen), Produktion (aseptische Techniken) und Qualitätskontrolle (schnelle Methoden) auf Augenhöhe kommunizieren.

  • Für den QA-Manager: Koordination eines multidisziplinären Teams und Sicherstellung, dass das Pharmaceutical Quality System (PQS) die Sterilität aktiv unterstützt.
  • Für die Produktion: Konsequente Verhaltensdisziplin und ein tiefes Verständnis des „Warum“ hinter jeder Bewegung im Reinraum.
  • Für die Validierung: Einführung neuer Standards für die Qualifizierung (z. B. halbjährliche Reklassifizierung für Grade A/B) und für die aseptische Simulation (APS).

Vorteile einer korrekten Implementierung

Die proaktive Einführung der neuen Standards bringt konkrete Vorteile:

  • Reduzierung von Abweichungen: Ein präventives System erkennt negative Trends, bevor sie zu OOS werden.
  • Audit-Readiness: Eine robuste CCS ist das beste Aushängeschild bei EMA- oder FDA-Inspektionen.
  • Operative Effizienz: Moderne Technologien und geschlossene Systeme reduzieren Stillstände und Ausschuss.

FAQ: Häufige Fragen zum Annex 1

Muss die CCS ein einziges Dokument sein?
Nicht zwingend. Sie kann als „Master“-Dokument dienen, das als Index und Begründung fungiert und auf SOPs, Risikoanalysen und spezifische Reports verweist. Entscheidend ist eine kohärente Gesamtübersicht.

Sind Isolatoren verpflichtend?
Nicht explizit verpflichtend, aber dringend empfohlen. Bei alternativen Technologien mit geringerer Segregation sind eine robuste risikobasierte Begründung und sehr strenge kompensatorische Kontrollen erforderlich.

Wie oft muss der Media Fill durchgeführt werden?
Die Mindestfrequenz ist halbjährlich für jede Linie und jede Schicht. Zusätzlich muss jeder Bediener, der kritische Tätigkeiten ausführt, mindestens einmal jährlich an einer Aseptic Process Simulation (APS) teilnehmen.

Welche neuen Grenzwerte gelten für das partikuläre Monitoring?
Eine wesentliche Neuerung ist die Abschaffung des Grenzwerts für Partikel ≥ 5,0 µm in den Zonen Grade A und B im Zustand „at rest“, in Anlehnung an ISO 14644. Das Monitoring im Betrieb („in operation“) bleibt jedoch entscheidend zur Problemerkennung.

Fazit

Der Annex 1 (2022) hebt die Qualitätsanforderungen in der Pharmaindustrie deutlich an. Es geht nicht darum, ein paar SOPs zu aktualisieren, sondern die Unternehmenskultur in Richtung „Sterility by Design“ weiterzuentwickeln.

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Erfahren Sie mehr über die Säulen des revidierten Annex 1 – von der Contamination Control Strategy (CCS) bis zum Quality Risk Management. Ein unverzichtbarer Leitfaden für GMP-Profis.

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